An(ge)dacht

Die Auferweckung des Jünglings von Nain
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„Es begab sich, dass Jesus in eine Stadt mit Namen Nain ging; und seine Jünger gingen mit ihm und eine große Menge. Als er aber nahe an das Stadttor kam, siehe, da trug man einen Toten heraus, der der einzige Sohn seiner Mutter war, und sie war eine Witwe; und eine große Menge aus der Stadt ging mit ihr. Und da sie der Herr sah, jammerte sie ihn, und er sprach zu ihr: Weine nicht! Und trat hinzu und berührte den Sarg, und die Träger blieben stehen. Und er sprach: Jüngling, ich sage dir, steh auf! Und der Tote richtete sich auf und fing an zu reden, und Jesus gab ihn seiner Mutter. Und es kam sie alle eine Furcht an, und sie priesen Gott und sprachen: Es ist ein großer Prophet unter uns aufgestanden, und Gott hat sein Volk heimgesucht.“

Lukas 7,11–16

 

Vor den Toren der galiläischen Kleinstadt Nain kommt es zur Zeit des Wirkens Jesu zu einer eigenartigen Begegnung: Zwei Menschengruppen treffen aufeinander, vermutlich ganz zufällig. – Die eine Gruppe gebeugt und erschüttert von einer schlimmen Nachricht: Eine Witwe muss ihren einzigen Sohn zu Grabe tragen, viele Menschen sind an ihrer Seite. Jesus und seine Jünger sind in der entgegengesetzten Richtung unterwegs und begegnen dem Trauerzug.

Diese Geschichte könnte ein Bild, ein Gleichnis werden – für uns und unsere Zeit: In nahezu allen Orten des Landes, ja der Welt, setzt die Corona-Pandemie Leichenzüge in Bewegung – auch wenn die heute anders aussehen als in früheren Zeiten. Die meisten von uns kennen mittlerweile Menschen, die an oder mit dem Virus gestorben sind, Familien, die einen Angehörigen verloren haben. – Es kommt entscheidend darauf an, dass die Corona-Leichenzüge dieser Tage nicht allein bleiben, dass die trauernden Menschen einem Jesus-Zug begegnen, Christen, die den auferstandenen Herrn in ihrer Mitte haben. – Ich frage: Kommt es zu solchen Begegnungen?

Der Kirche wird vorgeworfen, man höre nichts von ihr in den Monaten der Pandemie, ihre ganz eigene Stimme sei nicht zu vernehmen im Gewirr der vielen Stimmen dieser Tage. – Vielleicht ist das so. – Ich möchte zunächst um Verständnis werben dafür, dass Vertreter der Kirche sich schwer tun, die Corona-Pandemie zu deuten: Allzu lange haben Christen den Mund zu voll genommen, wenn es darum ging, hereinbrechende Not zu erklären, im Namen Gottes zu kommentieren. Allzu oft wurde mit vorschnellen und falschen Schuldzuweisungen gearbeitet, wenn Seuchen ausbrachen, Katastrophen die Gesellschaft erschüttert haben …

Gleichwohl stehen wir vor der berechtigten Frage: Was hat Gott mit dem Geschehen der Pandemie zu tun? Wenn er diese Welt geschaffen hat, unser Leben gewollt hat, was hat dann die massive und dauerhafte Gefährdung des Lebens durch das Virus mit IHM zu tun? Schaut Gott aus sicherer Entfernung zu, lässt er uns allein, steht er uns bestenfalls tröstend zur Seite, wenn das Schlimmste eintritt und wir selbst unmittelbar betroffen sind? – Ich behaupte: wir müssen als Christen einen Weg finden, Gott nicht aus dem ganzen Geschehen herauszuhalten!

Es stimmt: In Jesus Christus haben wir ihn als Gott der Liebe und des Erbarmens kennengelernt. Aber wenn er, der Vater Jesu Christi, der Schöpfer des Himmels und der Erde, Macht hat, dann muss zwingend gelten: ER lässt es zu, dass die Corona-Pandemie uns nun schon ein Jahr lang im Griff hat! ER lässt es geschehen – obwohl Sonntag für Sonntag in jedem Gottesdienst und Tag für Tag, Stunde für Stunde Christen auf der ganzen Welt zu ihm flehen, er möge der Krise ein Ende machen! – Was hat das zu bedeuten?

Zunächst einmal: Jede und jeder von uns darf und sollte sich ganz persönlich – ohne auf andere zu schauen – einige wichtige Fragen stellen:
• Was hat Gott mir durch dieses Geschehen zu sagen?
• Müssen wir als Gesellschaft, muss ich als Person etwas zurechtbringen?
• Wo haben wir, wo habe ich Fehler gemacht?

Ich könnte Ihnen davon berichten, wie ich diese Fragen beantworten würde; ansatzweise will ich das auch tun, indem ich einen wertvollen Hinweis aufgreife, den Tobias Kaspari, ein Pfarrerskollege aus dem Saarland gemacht hat. Er schlägt vor, Gott und die Pandemie über einen alten Begriff aus der deutschen Sprache in Verbindung zu bringen, über den Begriff der »Heimsuchung«. – Wer im Lexikon nachschlägt, erfährt zunächst einmal, dass dieses alte Wort so etwas wie einen „Schicksalsschlag“ bezeichnet, ein „bedrohliches Ereignis“, dem man ausgeliefert ist. Im Bereich des Glaubens wird »Heimsuchung« auch verstanden als ein überraschendes Ankommen Gottes bei den Menschen, das im Regelfall mit Erschrecken verbunden ist. Insbesondere im Alten Testament meint die »Heimsuchung« des Menschen durch Gott meistens sein Kommen zum Gericht.

Das Neue Testament bietet eine zusätzliche Perspektive, beginnend mit dem ebenfalls bei Lukas überlieferten Bericht über die Reise Marias, der Mutter Jesu, zu ihrer Verwandten Elisabeth, der Mutter Johannes, des Täufers; seither ist in der christlichen Tradition davon die Rede, dass Maria Elisabeth »heimsuchte«, um mit ihr die freudige Nachricht ihrer Schwangerschaft mit Jesus, dem Gottessohn zu teilen. Damit erhält der Begriff »heimsuchen« sozusagen eine neue Bedeutung; so erscheint er auch im Evangelium aus Lukas 7: Als Jesus den Sohn der Witwe aus Nain wieder zum Leben erweckt, reagieren die Menschen mit freudigem Erschrecken: „… es kam sie alle eine Furcht an, und sie priesen Gott und sprachen: Es ist ein großer Prophet unter uns aufgestanden, und Gott hat sein Volk heimgesucht“ – so formuliert es die alte Lutherübersetzung von 1912.

Pfarrer Kaspari schlägt nun vor, das Geschehen der Corona-Pandemie als eine Art »Heimsuchung« durch Gott zu begreifen, etwa in dem Sinn: „Gott kommt zu mir heim“ oder auch: „Gott kommt, um uns durch Jesus heim zu holen.“ – Das kann, aber muss nicht heißen, zu sterben, in die Ewigkeit heimgeholt zu werden. Das Neue Testament weiß um das Geheimnis, dass alles, auch schlimmes Schicksal, das mich trifft, durch Gott zu etwas Gutem verwandelt werden kann; so schreibt Paulus im achten Kapitel des Römerbriefs (8,28): „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.“ – Martin Luther spricht davon, dass Gott mitunter in „wunderlichen Verkleidungen“ zu uns kommt, dass er sozusagen unangemeldet im Zentrum des Lebens in Erscheinung tritt, – was uns zunächst einen gehörigen Schrecken einjagt. Letztlich aber geht es ihm um etwas anderes: Er will sich bei uns, mitten in unserem Leben, eine Wohnstatt, ein Zuhause bereiten! – Können wir versuchen, IHN so mit der Corona-Pandemie in Verbindung zu bringen? Oder ist uns diese Verbindung zu gewagt, zu schmerzhaft, zu rätselhaft? – Ich erinnere daran: Die Alternative dazu wäre, dass Gott mit dem schrecklichen Geschehen gar nichts zu tun hat, dass sich irgendein blindes Schicksal an uns austobt und Gott bestenfalls der ist, zu dem wir fliehen in unserem Verstörtsein …

Zurück zum Evangelium in Lukas 7: Vor den Toren von Nain begegnen sich zwei Menschengruppen, ein Zug des Todes, der Trauer und ein Zug des Lebens, des ewigen Lebens, das der schenkt, der diesem Zug vorangeht: Jesus Christus, der selbst am Kreuz stirbt und von Gott wieder ins Leben gerufen wird. Indem er den Sohn der Witwe zum Leben erweckt, nimmt er von diesem Moment an einen Platz in ihrem Leben ein, den ihm wohl niemand mehr streitig machen konnte …

Möge es uns als Kirche geschenkt werden, ein Zug des Lebens zu sein, mit Jesus, dem Auferstandenen an der Spitze. Vielleicht kann es dann gelingen, dass die Erschütterung, die uns und die ganze Welt in diesen Wochen und Monaten ergriffen hat, dazu dient, dass Gott wieder Raum findet bei uns und in uns, dass Schlimmes doch zu etwas Gutem wird, uns „zum Besten“ dient, wie Paulus schreibt.

Es grüßt Sie

Ihr

Sig_H-H_Münch
Hans-H. Münch, Pfr.

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